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Dominik Brunner
Dominik Brunner Best results through systematic approaches | CTO Humbel Gears

Variable Lenkstange für Formel 1: Algorithmusgestützte Titanpräzisionsfertigung

30. Juni 2026
    Engineering Manufacturing

Variable Lenkstange für Formel 1: Algorithmusgestützte Titanpräzisionsfertigung

In diesem Artikel

  • Progressive Zahnstangengeometrie mit ortsabhängig variierender Teilung & variierendem Eingriffswinkel: geometrische Auslegung basierend auf Verzahnungsgrundlagen nach F. Litvin
  • Warum Standardmethoden der Verzahnungsauslegung bei variablen Übersetzungen versagen
  • Titanlegierung als Werkstoff: thermische und mechanische Zerspanungsherausforderungen
  • Oberflächengüte als Voraussetzung für kohlenstoffhaltige Beschichtung
  • Proprietärer Auslegungsalgorithmus für vollständige Geometrieerzeugung in zwei Wochen
  • Zusammenspiel von Entwicklungs- und Fertigungs-Know-how als entscheidender Faktor

In der Formel 1 entscheidet die Lenkung nicht nur über das Fahrgefühl, sondern über Rundenzeiten. Eine progressive Zahnstange – mit einer kontinuierlich variierenden Getriebeübersetzung – verbindet in der Geradeausstellung eine indirektere, kraftschonende Übersetzung mit hochdirekter Reaktion im eingelenkten Bereich. Was konstruktiv elegant klingt, stellt an Auslegung und Fertigung Anforderungen, die jenseits des Standardrepertoires liegen.

Die geometrische Herausforderung: Wenn Modul und Eingriffswinkel nicht mehr konstant sind

Eine konventionelle Zahnstange arbeitet mit konstantem Modul, konstantem Eingriffswinkel und konstanter Zahnteilung entlang ihrer gesamten Länge. Die kinematische Bedingung ist trivial: Die Evolventenverzahnung des Ritzels kämmt zu jedem Zeitpunkt unter identischen geometrischen Verhältnissen mit der Zahnstange.

Bei einer progressiven Lenkzahnstange ist diese Bedingung aufgehoben. Beim Wälzprozess folgt die Zahnstange keiner Geraden mehr – und damit variiert die lokale Getriebeübersetzung kontinuierlich über die Zahnstangenlänge. Für jede Position entlang der Stange gilt eine andere kinematische Bedingung: Das Ritzel muss an jedem Eingriffspunkt störungsfrei kämmen, ohne Flankeninterferenzen, ohne unzulässiges Flankenspiel und ohne Einbussen in der Zahnfusstragfähigkeit. Die geometrische Kopplung zwischen Ritzel und progressiver Stange ist damit keine einfache Evolventenpaarung mehr, sondern ein kontinuierlich variables Verzahnungsproblem, das in Standard-Berechnungswerkzeugen nicht mehr handhabbar ist.

Die Auslegungsmethodik muss daher in einer dedizierten Softwareumgebung implementiert werden. Für jede diskrete Position entlang der Zahnstange sind Eingriffswinkel, Zahnkopf- und Zahnfussgeometrie, Überrollungszahl sowie die resultierende Flankenpressung separat zu berechnen – und in einer konsistenten Gesamtgeometrie zu einer fertigbaren Form zusammenzuführen. Bereits eine leicht fehlerhafte Übergangskurve zwischen zwei Verzahnungszonen erzeugt im Betrieb Lenkmomentsprünge, die der Fahrer direkt spürt und die unter Rennbedingungen inakzeptabel sind.

Humbel hat für diese Problemklasse einen eigens programmierten Algorithmus entwickelt, der die vollständige Geometrieerzeugung einer kundenspezifischen variablen Lenkstange – von der Spezifikation bis zum fertigungsreifen Datensatz – in zwei Wochen realisiert. Ein wesentlicher Aspekt dieser Methodik: Jede erzeugte Geometrie wird von Beginn an unter dem Gesichtspunkt der Produzierbarkeit bewertet. Die Grenze zwischen Berechnungsergebnis und Fertigungsrealität existiert in diesem Prozess nicht.

Titanbearbeitung im Motorsport: Ein Werkstoff, der keine Kompromisse akzeptiert

Für eine Lenkkomponente in der Formel 1 ist die Werkstoffwahl weitgehend determiniert: Hochentwickelte Titanlegierungen – typischerweise Vertreter der α-β-Gruppe wie Ti-6Al-4V oder leistungsstärkere Varianten mit erhöhten mechanischen Kennwerten – bieten das erforderliche Verhältnis aus Festigkeit und Dichte. Das Bauteil muss extremen Lastwechseln standhalten, mit minimalem Gewicht, in engstem Bauraum.

Die Titanbearbeitung von Verzahnungsbauteilen gehört in der Fertigungstechnik zu den anspruchsvollsten Aufgaben. Die Wärmeleitfähigkeit von Titanlegierungen liegt mit etwa 6–8 W/(m·K) für hochlegierte Varianten weit unter jener von Stahl. Der weitaus grösste Teil der beim Zerspanen entstehenden Prozesswärme verbleibt damit an der Werkzeugschneide – anders als bei Stahl, wo ein substanzieller Anteil über den Span abgeführt wird. Die resultierende thermische Belastung der Schneidkante erzeugt bei unzureichend ausgelegten Prozessparametern chemische Reaktionen zwischen Werkzeug und Werkstück sowie den gefürchteten Aufbauschneide-Effekt, der die Oberflächenqualität schlagartig verschlechtert.

Besonders kritisch sind in diesem Zusammenhang sehr kleine Werkzeugdurchmesser, wie sie für die Ausformung der Zahnflanken und Zahnfüsse einer motorsportspezifischen Feinverzahnung erforderlich sind. Die Standzeit dieser Werkzeuge ist bei Titan grundsätzlich begrenzt; bei variablen Eingriffsverhältnissen entlang der Stange wird das Management dieser Standzeiten zu einem eigenständigen Fertigungsplanungsproblem. Werkzeugwechselstrategien, Schnittwertanpassungen und Kühlkonzepte müssen in die NC-Programmierung so eingebettet sein, dass keine Werkzeuggrenze in einer geometrisch kritischen Zone der Zahnstange liegt.

Oberflächengüte als Systemanforderung für die DLC-Beschichtung

Die geforderte Beschichtung – eine kohlenstoffhaltige Schicht, im Motorsport häufig in Form von Diamond-Like-Carbon-Beschichtungen (DLC) eingesetzt – toleriert keine unzureichend vorbereiteten Substratoberflächen. DLC-Schichten werden typischerweise in Schichtdicken von wenigen Mikrometern aufgetragen; sie konturieren die Substratoberfläche, ohne Unebenheiten auszugleichen. Ein Rauheitsprofil, das die Vorgaben überschreitet, setzt sich direkt in der beschichteten Oberfläche fort und beeinträchtigt den Einlauf sowie die Dauerfestigkeit der Paarung unter tribologischer Last.

Für die Zahnflanken einer solchen Stange bedeutet das: Die Oberflächengüte ist keine Qualitätsnachsorge, sondern eine konstruktiv definierte Systemanforderung, die vom ersten Zerspanungsschritt an zu planen ist. Bei Bedarf wird Isotropes Superfinishen (ISF) für eine herausragende Oberflächenqualität eingesetzt. Das ISF-Verfahren erzeugt durch eine chemisch-mechanische Wechselwirkung eine nahezu richtungslose Mikrotopographie der Oberfläche. Diese trägt nicht nur zur Rauheitsreduktion bei, sondern verbessert auch die Haftung der anschliessenden DLC-Beschichtung an Verzahnungsbauteilen, da die isotrope Oberfläche eine gleichmässigere Schichtanbindung ermöglicht als eine geschliffene Oberfläche mit gerichteter Schleifstruktur.

Entwicklung und Fertigung als untrennbare Einheit in der Auslegung variabler Übersetzungen

Was diesen Projekttyp von einem konventionellen Lohnfertigungsauftrag grundlegend unterscheidet, ist die Notwendigkeit, Auslegung und Fertigung nicht sequenziell, sondern als integriertes Problem zu behandeln. Eine extern entwickelte Geometrie, die ohne Fertigungswissen entworfen wurde, stösst in der Titanbearbeitung regelmässig an Grenzen: zu knappe Zahnfussradien, die mit verfügbaren Werkzeugdurchmessern nicht erreichbar sind, Übergangskurven, die unter Prozessbedingungen nicht korrekt ausgeformt werden können, oder Toleranzanforderungen, die im vorgesehenen Fertigungsablauf nicht haltbar sind.

Humbel deckt in diesem Projekt die vollständige Entwicklungs- und Fertigungskette aus einer Hand ab: vom Auslegungsalgorithmus über die Prototypfertigung und Validierung bis zur Serienreifmachung. Das ist kein organisatorischer Vorzug, sondern eine technische Notwendigkeit bei diesem Komplexitätsniveau. Wer die Geometrie kennt, kennt auch ihre Grenzen in der Bearbeitung – und wer beide Seiten beherrscht, kann einen Entwicklungszyklus realisieren, der im Formel-1-Umfeld zählt: kurz, präzise, reproduzierbar.

Wenn Sie eine ähnliche variable Lenkstange oder ein Präzisionsverzahnungsbauteil für eine Hochleistungsanwendung entwickeln – ob im Motorsport, in der Luft- und Raumfahrt oder in industriellen Antriebssystemen – laden wir Sie ein, die geometrischen Anforderungen direkt mit den Humbel-Ingenieuren zu besprechen.

Dominik Brunner
Artikel von Dominik Brunner Best results through systematic approaches | CTO Humbel Gears
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